Ronnie Atkins Interview Pretty Maids

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RONNIE ATKINS – Ein Mann, der seine letzte Chance nutzt

Ich lernte Ronnie Atkins vor vier Jahren in Balingen kennen. Wir waren backstage bei Gotthard, die gerade auf ihrer SILVER-Tour waren, und die Pretty Maids waren als Special-Guest mit an Bord und eröffneten den Abend. Ich hatte hier meinen allerersten AAA-Pass jemals erhalten und war mächtig stolz, hinter der Bühne mit den Größen des Rock’n’Rolls abzuhängen. So kam ich zu dem ein oder anderen Bier mit Ronnie und durfte einen wahnsinnig bodenständigen, authentischen, charmanten und sympathischen Mann kennen.

Nun, fast vier Jahre später, hatten wir das Vergnügen, uns über ZOOM zu unterhalten, gemeinsam auf Distanz Rotwein und Bier zu trinken und ich muss sagen, es war einer der schönsten Abende der letzten Zeit. Wir hatten wahnsinnig viel zu lachen, obwohl das Leben in letzter Zeit nicht die schönsten Karten für Herrn Atkins bereit hielt.

Beim Frontmann der Pretty Maids wurde Lungenkrebs diagnostiziert. Zwischendurch gab es Hoffnung, doch dann schlug die Krankheit zurück. Wie geht es Dir heute? “Mir geht es gut, ich fühle mich gut. Ich muss zugeben, dass ich mich jetzt besser fühle, als noch vor einem Jahr. Es ist was es ist und ja, es ist eine ernste Angelegenheit. Vor allem die Neuigkeit die ich 2020 um Ostern herum bekam, dass der Krebs in meine Knochen gestreut hat, war sehr hart. Immerhin sieht es so aus, als würden die Therapien ganz gut anschlagen. Dennoch kann ich die Tatsache an sich nicht ändern, aber ich bin hier und so wie ich es auch in meinen neuen Songs singe, lebe ich im hier und jetzt.”

Ich war auch sehr beeindruckt von der Tatsache, wie transparent und offen du mit diesem schwierigen und traurigen Thema umgegangen bist. Wie kommt man damit klar? “Naja ich kann nicht behaupten, dass es mein größter Wunsch war, sofort damit rauszugehen. Allerdings hatte ich die Diagnose Anfang September 2019 bekommen und im November haben wir das neue Pretty Maids Album veröffentlicht. Alles war aufgezeichnet, alles war bereit, wir hatten einige bereits gebuchte Shows, eine ganze Europa-Tour und ein paar Auftritte auf Kreuzfahrten. Die Ärzte haben versucht, in einer Operation alles zu entfernen, aber ich musste dennoch eine Chemotherapie machen und mich einer Strahlentherapie unterziehen. Die Promoter und Agentur wussten, was passiert war und baten mich, auch aufgrund von Versicherungsangelegenheiten, ein offizielles Statement dazu abzugeben. Ich fand das fair und bin damit an die Öffentlichkeit gegangen. Dabei habe ich so viel Liebe und Empathie von den Fans erfahren, das war unglaublich.”

Was war nach so einer Diagnose deine größte Angst und was gibt dir in solchen Zeiten Hoffnung? “Wenn man sich Statistiken anschaut, die das Thema Lungenkrebs und Metastasen in den Knochen behandeln, wird einem klar, dass es wesentlich lustiger ist, einen Donald Duck Comic zu lesen. (lacht) Es ist nicht wirklich angenehm, das zu lesen. Aber ich lebe damit und ich habe gelernt, in dieser Situation zu sein. Es ist viel härter für meine Frau, meine Kinder und meine Familie. Ich versuche so gut es geht, damit klar zu kommen. Und mein Weg damit klar zu kommen ist, mich auf andere Dinge zu konzentrieren. Ich musste es beiseite schieben und mich auf die Musik fokussieren. Ich hatte ein Ziel. Und ich bin froh, diesen Weg gegangen zu sein. Ich hatte zwei Möglichkeiten: Mich hinsetzen und abwarten, dass ich sterben würde, denn die Sterne stehen nicht gut. Aber ich bin ein Gläubiger und ich muss glauben, denn in den Statistiken kann man auch eine 4-5 Prozent Chance ablesen, die besagt, dass ich in fünf Jahren noch leben werde. Da gibt es immer noch Hoffnung und  Wunder. Ich bin hier nicht naiv, aber ich hoffe auf ein Wunder. Es gibt noch so vieles, was ich gerne machen würde, ich habe so viel Liebe zu geben. Ich habe keine Angst davor zu sterben, das tun wir alle eines Tages. Aber wenn man die Diagnose Krebs bekommt – es ist ein furchteinflößendes Wort und der Tod fühlt sich ein stück weit näher an. Aber ich bin noch hier und ich möchte mein Leben in vollen Zügen genießen. Ich könnte auch genauso morgen von einem LKW überfahren werden, aber dann ist es eben so. Ich bin nicht gleichgültig, aber selbst wenn ich in drei Monaten oder in einem halben Jahr gehen muss, kann ich sagen, dass ich ein verdammt schönes Leben hatte. Ich hatte so viel Spaß. Und wenn meine Kinder in ihrem Leben nur halb so viel Spaß haben werden wie ich, dann wäre das schon großartig. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich verabschieden will – da draußen gibt es noch so viele Dinge, die ich gerne tun würde.” 

Das neue Album “One Shot” wird am 21. März 2021 veröffentlicht. Ich hatte bereits das Vergnügen reinzuhören und bin hin und weg. Wie kam es überhaupt dazu? “Ich hatte ehrlicherweise gar nicht den Plan, ein Soloalbum aufzunehmen. Aber aus den verschiedensten Gründen, vor allem auch meine gesundheitlichen Probleme, kam es doch dazu. Außerdem befand sich die ganze Welt im Lockdown, es waren keine Shows zu erwarten. Ich habe also einfach beschlossen, es zu tun. Als ich an Ostern die furchtbare Nachricht bekam, war ich zugegebenermaßen eine ganze Weile panisch. Da habe ich zu einem sehr guten Freund gesprochen, Chris Laney, und ich habe ihm gesagt, dass ich noch nicht bereit war zu gehen. Zu dem Zeitpunkt dachte ich, ich hätte vielleicht noch drei Monate zu leben. In den Songs verarbeite ich einiges davon, denn viele sind genau zu dieser Zeit entstanden. Sie spiegeln meinen damaligen

Geisteszustand wieder. Während ich mich außerdem den Behandlungen unterzogen habe, war die Musik mein Weg, mich abzulenken. Ich habe mir sogar ein Klavier gekauft! (lächelt) Seit Jahren ist es nicht mehr vorgekommen, dass ich Lieder am Piano schreibe – eigentlich schreibe ich sie immer auf der Gitarre. Einige Songs des Albums, habe ich aber auf diesem tollen Instrument geschrieben – vor allem die Balladen. Es inspiriert einen auf eine ganz andere Art und Weise. Das Soloalbum war ein Ziel, das ich mir gesetzt habe, weil rumsitzen und auf den Tod zu warten keine Option für mich war. Dieses Ziel habe ich erreicht und nun werde ich mir ein anderes setzen müssen. (grinst) Momentan lebe ich von den vierteljährlichen Terminen bei den Ärzten, die mich alle drei Monate durchecken und mir sagen, wie es um meine Gesundheit steht und ob der Krebs weiter gestreut hat. So ist das, aber man muss weitermachen. Es bringt nichts einfach nur rumzusitzen und auf die schlechten Neuigkeiten zu warten. Ich habe noch den großen Traum, nochmal auf die Bühne zu steigen! Es gibt drei Dinge im Leben, die ich über alles liebe: Musik erschaffen, Songs singen und live zu performen.”

Es wird schwierig sein, aus dem Album ein besonderes Lied rauszupicken, aber welcher bedeutet Dir persönlich am meisten und vor allem wieso? “Da gibt es ein paar. (grinst) Als ich angefangen habe, die Songs zu schreiben, ging es mir um die Melodie. Das war schon immer so. Aber die große Herausforderung waren diesmal die Texte. Ich fand es schwierig, über andere Dinge, als meine Situation zu schreiben. Vor allem bei den ersten Songs die ich geschrieben hatte, konnte ich meinen Fokus von der Situation und meinen Lebensumständen nicht abrücken. Deshalb handelt das halbe Album von meiner Situation zu der Zeit. Und davon konnte ich nicht wirklich loskommen. Aber ich habe eingesehen, dass ich nicht nur ausschließlich Balladen über meine derzeitige Lage und das Leben im Hier und Jetzt schreiben konnte. Ich musste auch anderes thematisieren und das war wirklich schwierig. Es waren die härtesten Songtexte, die ich in meinem Leben jemals geschrieben habe, aber es sind auch die persönlichsten. Wenn ich also einen einzigen Song von diesem Album nennen müsste, nicht nur vom textlichen, sondern auch vom musikalischen her, dann wäre es der Titelsong “One Shot”. Es ist meiner meinung nach einer der besten Lieder, die ich je verfasst habe. Es bedeutet mir eine Menge und es handelt davon, dass jeder einzelne von uns auf der Erde eine Chance hat, genau eine.”

Denkst Du inzwischen oft über solche Dinge nach? “Ja, ich denke über vieles nach in letzter Zeit, vor allem über Dinge, denen ich in der Vergangenheit nicht so viel Beachtung geschenkt habe, auch wenn ich schon immer spirituell gewesen bin. Wir werden alle eines Tages gehen müssen und vielleicht Leben wir ewig weiter – spirituell gesehen. Ich denke über vieles nach, was mir bisher vielleicht sogar ein stück weit egal war. Aber ich sehe nichts mehr als selbstverständlich an. Man passt sich eben den besonderen Situationen und Gegebenheiten an. Die ganze letzte Zeit hat mein Leben wirklich auf den Kopf gestellt und vieles verändert. Wir haben nur diese eine Chance im hier und jetzt, man sollte alle Sorgen über Bord werfen und jeden Augenblick genießen. Es gibt auch einen weiteren Song, der es nicht auf das Album geschafft hat. Es ist eine reine akustische Nummer. Das Lied heißt “Carry Me Over” – aber das war einfach viel zu traurig, um es auf das Album zu packen. Aber genau so habe ich mich damals gefühlt. Ich habe es kurz nach dem Erhalt der Diagnose geschrieben – vielleicht kommt es ja noch eines Tages an die Öffentlichkeit.” (lächelt)

Das hoffe ich – am besten noch in Kombi mit einem zweiten Solo-Album! Ein weiterer genialer Song ist “Miles Away” – wie hat diese zauberhafte Liebeserklärung deiner Frau gefallen? “Ich habe ihr schon viele Songs geschrieben. (lächelt) Aber dieses hier ist ein ganz besonderes. Wir haben wie alle unsere Höhen und Tiefen im Leben gehabt. Manchmal ist das Leben schwierig. Aber am Ende des Tages war sie mein Fels in der Brandung und zwar immer. Egal, was in der Vergangenheit war, welche Schwierigkeiten wir gehabt haben. Sie hat mir die Chance gegeben, der Clown zu sein. Der Clown, der auf der ganzen Welt unterwegs war, während sie unsere Kinder großgezogen hat. Sie ist die Frau, die schon immer für mich da gewesen ist. Immer. Und diese Lyrics kommen wirklich direkt aus dem Herzen.” 

Wenn du einen jungen Menschen zur Rockmusik bringen wollen würdest, welchen Song würdest Du ihm/ihr vorspielen und wieso? “Da kommt sie. Die unmögliche Frage. (lacht) Es ist schwierig, hier nur ein Lied zu nennen. Wir müssen das etwas anpassen: Wenn es einen Song gibt, der mir die Augen geöffnet hat, als ich ihn als zehnjähriger Junge zum ersten Mal im Radio gehört habe, ist es “Bohemian Rhapsody”. Dieses Lied war so anders. Es hatte alles. Alles, was ich an der Musik liebe. Eine tolle Melodie, ein schöner Text, Drama und sogar Heavy Metal!” 

Wenn du ein Dinner mit drei Personen deiner Wahl ausrichten dürftest – ganz egal ob diese Menschen noch am Leben sind oder nicht. Wer würde am Tisch sitzen dürfen? “Freddie Mercury. (lacht) Zwischen Paul McCartney und John Lennon könnte ich mich nicht entscheiden. (grinst) Und natürlich Barry Gibb. Ich bin mit den Bee Gees aufgewachsen und melodisch gesehen sind sie ein enormer Einfluss für mich, ich bin ein großer Fan.”

Wir schließen das Interview ab und ich überlasse Ronnie die letzten Worte. “Ein großes dankeschön geht an alle Fans und Leser des Hardline Magazins da draußen. Danke für eure Unterstützung die letzten Jahre und ich hoffe, dass ihr “One Shot” mögt. Es ist kein riff-orientiertes Heavy Metal Album, aber es beinhaltet coole Songs und ich hoffe, dass es euch auch gefällt. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder auf Tour!(lächelt)”

Eure Ornella.
LONG LIVE ROCK’N’ROLL!

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